
Podcast
Bibelentdeckungen
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Theologie, Musik, Bibel und Spiritualität
Jesus der Jude: Wollen Juden sich den Himmel verdienen?
Episode in
Bibelentdeckungen
Werkgerechtigkeit oder Gerechtigkeit „allein aus Gnade“? Für viele Christen liegt der entscheidende Unterschied zwischen Judentum und Christentum an dieser Stelle: Sie meinen, Juden wollen sich durch Gesetzesgehorsam und gute Werke den Himmel verdienen – und kennen daher die Gnade Gottes nicht. Christen dagegen leben aus der Gnade Gottes – und sind deshalb „frei vom Gesetz“.
Aber stimmt diese Rollenverteilung? Ein Blick ins Neue Testament und in jüdische Quellen zeigt, dass diese Sicht nicht nur ein falsches Bild des Judentums vermittelt, sondern letztlich auch zu einem falschen Verständnis des Christentums und der Botschaft Jesu führt. Eine neue Folge aus der Reihe „Jesus der Jude“ auf @bibletunes .
Glauben Juden, dass man sich durch Gesetzesgehoram den Himmel verdienen kann? So scheint es oft, wenn man christlichen Predigten oder Bibelauslegungen zuhört.
Dann wird der Gesetzesgehoram von Juden nämlich nicht nur als besonders kleinlich oder penibel oder engstirnig dargestellt. Sondern, so wird es gesagt, er dient auch dazu, sich durch gute Werke den Himmel zu verdienen. Ein bekannter Bibelforscher des letzten Jahrhunderts hat es einmal so ausgedrückt: Das Judentum ist eine Religion der vollkommenen Selbsterlösung.
Und wie bei vielen der Mißverständnisse und Vorurteile, die ich in den letzten Episoden vorgestellt habe, dient dieses negative Bild vom Judentum dann dazu, Jesus um so besser dastehen zu lassen:
Bei Jesus, so heißt es dann, zählt nur die Gnade allein, und nicht die guten Werke.
Aber ist es wirklich so einfach: Hier die Werkgerechtigkeit, dort die Gerechtigkeit allein aus Gnade und ohne Werke?
Meine Antwort wäre: Nein, es ist komplexer. Sowohl bei Jesus als auch bei den Rabbis seiner Zeit.
Vielleicht ist ein guter Startpunkt nochmal das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, über das ich ja schon in der letzten Episode geredet habe. Da geht es ja darum, dass jemand ganz praktisch gute Werke tut. Nämlich die Nächstenliebe. Und dafür wird er von Jesus ausdrücklich gelobt. Und das ist ja nur ein Beispiel. Natürlich sind Werke für Jesus wichtig. Vor allem die Nächstenliebe. Aber dann auch, die Kranken zu besuchen, die Gefangenen zu besuchen, den Durstigen zu trinken zu geben und noch viel mehr. Das würde wohl auch kaum jemand bezweifeln.
Aber: So würden viele Christen sagen. Wir als Christen tun die guten Werke natürlich nciht, um uns den Himmel zu verdienen. Oder um das eweige Leben zu kriegen. Wir tun sie einfach so, aus Liebe zu Gott und aus Gehorsam.
Aber hier lohnt es sich, einmal die Verse anzusehen, die gleich vor dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter stehen. Da wird erzählt wie ein jüdischer Gesetzesexperte zu Jesus kommt und sagt: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?
Das war also eigentlich die Ausgangsfrage. Nicht: Wer iost mein Nächster: Sondern: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen.
Wir hätten erwartet, das Jesus antwortet: Nichts. Es ist alles Gnade. Wenn man was tun müsste, das wäre ja werkhgerecht
Aber Jesus antwortet eben nicht so. Er gibt die Frage zurück an den jüdischen Experten und fragt: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du da. Der antwortet: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.
Und Jesus gibt ihm völlig Recht: Er sagt: Du hast richtig geantwortet. Tu das, und du wirst leben.
Merkt ihr, was hier passiert? Jesus und der jüdische Gesetzesexperte sind sich in einer Sache völlig einig. Wer das ewige Leben bekommen will, der muss sich an das Gesetz Gottes halten. Und das sagt: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten. Das klingt doch eigentlich ganz eindeutig: Gesetzesgehorsam führt zu ewigem Leben.
Hier gibt es keinen Unterschied zwischen Jesus und seinen jüdischen Zeitgenossen.
Es gibt einen rabbinischen Lehrspruch, der sagt: Kein Wort aus der Gesetz ist umsonst geschrieben. Halte sie ein, dann bekommst du Lohn, schon in diesem Leben, aber noch mehr in der kommenden Welt, im ewigen Leben. Wer Gottes Gebote hält, der genießt ihre Früchte schon hier, aber noch viel mehr in der kommenden Welt.
Und auch Jesus spricht ja davon, dass man sich Schätze sammeln soll im Himmel.
Aber es gibt eben bei den Rabbis auch die Warnung, gute Werke nur deswegen zu tun, weil man sich den Himmel verdienen will. Ein Rabbi sagt zum Beispiel: Seid nicht wie Diener, die ihrem Herrn nur dewegen dienen, weil sie dafür Lohn erhalten. Sondern seid wie Diener, die arbeiten, als würden sie keinen Lohn bekommen, sondern alles tuzn aus Ehrfurcht vor Gott.
Ein anderer sagt: Du sollst nicht die Tora einhalten, um reich zu werden Und auch nicht, um Rabbi genannt zu werden. Und auch nicht für den Lohn in der kommenden Welt. Sondern du sollst alles tun aus Liebe zu Gott.
Und an einer anderen Stelle wird gesagt: Es gibt sieben verschiedene Sorten von Pharisäern. Ja, es gibt solche, die ihre guten Taten vorzeigen, weil sie damit angeben wollen. Es gibt auch die, die nur deswegen gute Taten tun, damit sie in den Himmel kommen. Oder, weil sie ein schlechtes Gewissen haben, und ihre bösen Taten damit ausgleich wollen. Aber dann gibt es eben auch solche Pharisäer, die alles aus Furcht vor Gott tun. Oder, noch besser, aus Liebe zu Gitt. Und diese, wird dann gesagt, diese sind Gott am liebsten.
Es gibt also in der jüdischen Welt eine gute Balance zwischen Werkgerechtigkeit und Liebe zu Gott: Natürlich sollen wir gerecht leben, aber nicht um uns den Himmel zu verdienen, sondern aus Liebe zu Gott.
Und dann gibt es ja noch die Gnade. Die gibt es nämlich auch nicht nur bei Jesus. Dass Gott uns immer zuerst liebt, noch bevor wir irgdnetwas leisten können, ist eine Grundüberzeugung der Bibel schon im alten Testament. Und deshalb auch in der jüdischen Tradition.
Im Fünften Buch Mose, Kapitel 7, sagt Gott zu Israel: Ich habe euch nicht erwählt, weil wir besser oder schöner oder größer seid als alle anderen Völker. Sondern ich habe euch erwählt, weil ich euch liebe. Gottes Liebe kann man sich nicht verdienen, die gibt es geschenkt.
Das wird ja in der jüdischen Tradition zum Beispiel auch daran deutlich, dass jüdische Jungens am achten Tag ihrer Geburt beschnitten werden. Die Beschneidung ist ein zeichen für die Aufnahme in Gottes Gnadenbund. Das gescheiht am achten Tag des Lebens, zu einem Zeitpunkt, zu dem das Kind noch nichts leisten kann. Später dann, mit 13 Jahren, dann soll es auch anfangen, die Gebote Gottes einzuhalten.
Ja, gute Werke sind wichtig. Aber Gottes Liebe und Gnade kommen schon lange, bevor wir irgendwelche guten Werke tun können.
Das wird zum Beispiel auch deutlich am jüdischen Kalender. Der höchste Feiertag des Kalenders ist Jom Ha-Kippurim oder Jom Kippur, der große Tag der Versöhnung mit Gott. An diesem Tag kommt man in der Synagige zusammen, um zu bekennen, das man gesündigt hat und das man keine guten Werke aufzuweisen hat, mit denen man sich den Himmel verdient hat. Aber man bittet Gott um Gnade und Vergebung. Und Gott hat in der Bibel ein Angebot gemacht: Am Versöhnungstag, so war es in biblischer Zeit, wurde im Tempel ein Sündenbock getötet, stellvertretend für die Sünde des Volkes. Damit wurde die Schuld bereinigt.
Gott selbst macht durch dieses Fest deutlich: Ich bin es, der euer Leben in Ordnung bringt. Das könnt ihr nicht durch eure eigenen Werke hinkriegen. Das braucht ihr auch nicht. Denn ich kümmere mich um eure Schuld, wenn ihr sie zu mir bringt.
Jesus nimmt im Neuen Testament dieses Bild vom Sündenbock als ein Bild, um zu erklären, was passiert, als er am Kreuz stirbt: Er sagt: Ich gebe mein Leben, um euch freizukaufen. Und beim letzten Abendmahl sagt er: Ich vergieße mein Blut zur Vergebung eurer Sünden, so wie es der Sündenbock am Jom Ha-Kippurim tut.
Ich selbst, Gott in Person, nehme eure Sünden auf mich, wenn ihr sie bei mir abladet.
So kommen bei Jesus, so wie im Judentum, gute Werke und Gottes Gnade zusammen. Natürlich sollen wir gute Werke tun. Aber nicht aus Berechnung, sondern aus Liebe zu Gott.
Und gleichzeitig müssen wir aber auch ehrlich werden und zugeben: Wir tun diese Werke nicht, die wir tun sollen. Und deshalb brauchen wir Ende Gottes Gnade und Vergebung.
Beides gehört im jüdischen Glauben eng zusammen. Und beides gehört auch bei Jesus eng zusammen.
Wenn wir das Gleichnis vom barmherzigen Samariter lesen, dann beginnt es mit der Frage: Wie kann ich das ewige Leben bekommen? Und Jesus ist sich einig mit dem jüdischen Gesetzeslehrer: IN dem du das Gesetz Gottes hältst und es tust.
Aber dann erzählt er das gleichnis vom Priester, vom Leviten und vom Samaritaner. Zwei, die das Gesetz nicht tun, vielleicht aus Faulheit, vielleicht aus Angst, vielleicht aus Bequemlichkeit. Und dann den der es tut.
Und wir stehen mit der Frage da: Welcher von den dreien wäre ich wohl gewesen? Und ich für meinen Teil muss sagen: Ich bin viel zu oft wie der Priester und der Levit. Ich tute eben nicht das richtige.
Und deshalb muss ich das Lukasevangelium bis zum Ende lesen. Denn auf dieses Ende läuft es hin. Am Ende des Evangeliums stehe ich vor dem Kreuz und sehe: Hier gibt es Gnade. Hier gibt es einen der meine Schuld trägt.
Und das ist eine Botschaft, die nicht im Gegnsatz zum jüdischen Glauben steht, sondern, die tief verwurzelt ist in der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel und mit der Welt.
Und mit mir und dir. Die Gnade steht am Ende da, auch da, wo meine guten Werke aufhören.
Wir müssen also auch hier nicht Jesus gegen das Judentum ausspielen. Sondern wir können Jesus groß machen, weil er genau das am Kreuz vollbringt, woran das Judentum glaubt und worauf es hofft. Den Sieg der Gnade Gottes über die Schuld der Welt.
23:56
Jesus der Jude: Wie verhasst waren die Samaritaner? (bibletunes Podcast)
Episode in
Bibelentdeckungen
Der „jüdische Hass“ auf Samaritaner gehört zu den beliebten Themen christliche Bibelauslegung: Eine deutsche Bibelübersetzung macht aus dem „Samariter“ in Lukas 10,33 deshalb einen „verachteten Samariter“. Aus dem Satz „Juden und Samariter haben nicht die gleichen Bräuche“ in Joh 4,9 wird in einer Bibelübersetzung „Normalerweise wollen Juden nichts mit Samaritern zu tun haben“, in einer anderen „Die Juden meiden nämlich jeden Umgang mit Samaritanern“. Und viele Ausleger behaupten sogar, Juden hätten bei ihren Reisen einen großen Bogen um das Land der Samariter gemacht.
Auch hier ist der Schritt vom Klischee in der Bibelauslegung zum antisemitischen Vorurteil nicht weit. Aus dem Glauben, dass Juden zur Zeit Jesu Samariter hassten, kann leicht der Glaube werden, dass Juden heute Palästinenser und Araber hassen, von denen viele im Gebiet des antiken Samaria wohnen.
Aber auch hier lohnt sich der Faktencheck an den antiken Quellen. War das Judentum wirklich so rassistisch, wie es oft dargestellt wird? Eine neue Folge in der Reihe „Jesus der Jude“ auf @bibletunes .
Eins von den vielen Missverständnissen oder Vorurteilen über Juden ist die Behauptung, dass Juden Sanmariter hassten und umgekehrt.
Auch dieses Vorurteil ist weit verbreitet und oft in Predigten zu hören. Zum Beispiel, wenn es um die Begegnung von Jesus mit der Samaritanischen Frau am Brunnen geht.
Da gibt es nicht nur das Vorurteil, dass jüdischen Männer normalerweise nicht mit Fraune redeten.
Sondern eben auch das, dass ein jüdischer Rabbi nie mit einer Samariterin geredet hätte. Weil Juden eben in der Regel die Samariter hassten.
Und ganz ähnlich ist es beim berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ganz oft wird hier gesagt, dass es in dem Gleichnis darum geht auch den Feind zu lieben oder den Ausländer oder den Samariter. Und vorausgesetzt wird, dass ein Jude natürlich im Normalfall einem verhassten Samariter nicht geholfen hätte.
Auch hier, wie bei den vielen Vorurteilen, die ich in anderen Episoden vorgestellt habe, geht es wieder darum, Jesus groß zu machen: Jesus überwindet den Hass der Juden, indem er mit einer samaritanischen Frau spricht. Und indem er von einem Samariter erzählt, der dem verhassten Feind hilft.
Aber um gleich mal bei dieser Geschichte anzufangen: Die Idee von der Feindesliebe oder der Nächstenliebe gegenüber dem Fremden und Ausländer scheitert schon dana, dass wir gar nicht wissen, ob der verletzte Mann in diesem Gleichnis ein Jude oder ein Samariter war. Oder vielleicht sogar ein Römer oder ein Grieche oder ein Araber. Das steht in dem Bibeltext schlicht und einfach nicht drin. Der Verletzte ist einfach ein Mensch. Hier geht es also nicht darum, Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit zu überwinden, weil wir gar nicht wissen, ob es hier um einen Fremden geht. IN der Geschichte geht es also eigentlich um etwas anderes.
Aber wie war es grundsätzlich um das Verhältnis zwischen Juden und Samaritern bestellt?
Vielleicht muss kann kurz verstehen, wie die beiden Gruppen eigentlich entstanden sind. Da müssen wir ein paar Jahrhunderte in der zeit zurück, in die Zeit der biblischen Könige David und Salmo, die über das Königreich Israel regierten. Unter den Nachfolgern von Salomo gab es dann Streit, und das Reich wurde aufgeteilt in ein Nordreich und ein Südreich. Das Nordreich behielt den Namen Israel, die Hauptstadt war jetzt aber nicht mehr Jerusalem, sondern Samaria. Daher Samaritaner.
Das Südreich, in dem hauptsächlich Leute aus dem biblischen Stamm Juda wohnten, bekan den Namen Königreich Jude, daher der Name Juden.
Juden und Samaritaner waren also im Grunde die Nachkommen der Einwohner des Südreiches Juda und des Nordreiches Israel mit der Hauptstadt Samaria.
Die verbreitete Vorstellung, dass die Samaritaner ein fremdes Volk waren, stimmt also nicht. Die Samaritaner nannten sich selbst auch Israeliten. Und es gibt übrigens bis heute etwa 500 Samaritaner, die in Israel leben. Sie haben noch die alte hebräische Schrift aus biblischer Zeit, viele haben noch Familienstammbäume, die bis zu Moses und Aaron zurückreichen, sie lesen die Tora, und sie feiern die Feste der Bibel, also das Passafest, das Laubhüttenfest und so weiter.
Der Hauptstreitpunkt zwischen den beiden Gruppen war die Frage, wer von beiden den echten, richtigen Tempel in seinem Land hat. Die Juden sagten natürlcih: wir haben den richtigen Tempel, in Jerusalem, ursprünglich von David und Salomo erbaut. Die Samaritaner sagten: Nein wir haben den richtigen Tempel, weil wir den älteren Ort haben. Jerusalem kommt nämlich in der Tora gar nicht vor, das kam ja erst viel später. In der Tora ist Sichem der Ort, an dem Israel sich versammelt, und deshalb haben wir den richtigen Tempel. Auf dem Berg Garizim bei Sichen. Diesen Tempel gibt es dort übrigens auch heute noch.
Also: Zwei Gruppen von Israeliten mit zwei unterschiedlichen Tempeln. Das führte natürlich zu Konflikten: Wo bringt man gültige Opfer dar? Wo feiert man die Feste? Und vor allem: Wohin schickt man den Zehnten, also die Abgabe von Früchten, von der Ernte und von allen Schafen und Ziegen?
Weil man sich hier nicht einihg wurde, gab es bei Juden und Samitaner unterschiedliche Reinheitsvorschriften, unterschiedliche Priesterfamilien und so weiter. Und natürlich gab es immer wieder die Frage: Was ist gültig und was nicht? Wenn zum Beispiel ein jüdisxcher Junge von einem Samaritanischen Rabbi beschniotten wird: Ist die Beschneidung dann gültig? Die Antwort ist: Ja.
Wenn ich als Jude in einem samaritanischen Geschäft Wein einkaufe, darf ich den dann trinken oder ist er unrein? Die Antwort: Ja du darfst ihn trinken. Er wurde ja nach den Vorschriften der Tora angebaut und produziert. Aber: Du musst nochmal zehn Proztent von dem Wein an den Tempel in Jerusalem spenden. Warum? Weil der samaritanische Weinbauer zwar schon den Zehnten bezahlt hat, aber ja leider an den falschen Tempel.
Es war also nicht einfach. Aber man fand Regelungen, miteinander zu leben als Nachbarn. Und wir wird es spannend. Wir finden nämlich in den jüdischen Schriften fast keinen Hinweis auf eine Feindschaft zwischen Juden und Samaritern. Ganz im Gegenteil: Ganz im Gegenteil: Aus den Gesetzen der Rabbinen können wir oft ablesen, dass es offenbar gute Nachbarschaft und Freundschaft zwischen Samaritanern gab. Da gibt es zum Beispiel die Frage, wer das Tischgebet sprechen soll, wenn man zusammen isst: Der Jude oder der Samaitaner. Daraus kann man ja auf jeden Fall schließen, dass es üblich war, zusammen zu essen. Und das Tischgebet konnten beide sprechen, nur sollte man als Jude genau hinhören, ob der Samaritaner vielleicht den falschen Tempel in seinem Gebet erwähnt, denn dann soll man nicht Amen sagen.
Es gibt gesetzliche Regelungen dafür, wie man vorhet, wenn ein Jude sein Feld neben einem Samaritaner bestellt. Weil jeder ja seinen Zehnten an einen anderen Tempel shickt. Aber: Unterm Strich heisst das ja, dass Juden und Samaritaner als Nachbarn nebeneinander lebten und ihre Felder nebeneinander bestellten. Und so weiter.
Vielleicht kann man Juden und Samaritaner so in etwa vergleichen mit Evangelischen und katholischen Christen: Da gibt es einzelne Regeln, bei denen wir uns unterscheiden. Als evangelischer Pfarrer zum Beispiel darf ich keine katholische Messe feiern. Ich kann auch nicht Priester werden in der katholischen Kirche. Und schon gar nicht Papst. Aber wenn ich ein Kind evangelisch taufe, wird die Taufe auch von der katholischen Kirche anerkennt.
Kann man wegen dieser Unterschiede sagen, dass Evangelische und katholische sich hassen? Oder dass Katholiken bei den Evangelischen Verhasst sind? Sicher nicht.
Es gibt eine spannende Diskussion zwischen jüdischen Rabbis in den rabbinischen Schriften. Da unterhalten sie sich darüber, ob man Samaritaner eher wie Juden oder eher wie Nichtjuden behandelt sollte. Und wie immer gab es zwei Meinungen: Der eine sagt: Man sollte sie lieber wie Nichtjuden behandeltn, weil man ja im Einzelnen nie weiß, ob sie die Gesetze richtig einhalten oder nicht. Der andere sagt: Man sollte sie so behandeln wie Juden, denn: Sie haben zwar in manchen Fragen andere Gesetze als wir, aber in den Fragen, wo wir uns einig sind, halten sie ihre Gesetze besser als wir. Das ist ein Lob für einen Samariter aus jüdischem Mund.
Oft wird von Christen behauptet, dass die Juden einen großen Bogen machten um das Land der Samaiter, wenn sie von Galiläa nach Jerusalem gingen. Und dass es deshalb etwas ganz besonderes wäre, dass Jesus mitten durch Samaria geht. Aber auch hier zeichnen wir wieder ein übertriebenes Bild von jesus als dem Überwinder von jüdischem Rassismus.
Tatsächlich ist es nämlich so, dass ein jüdischer Geschichsschreiber aus der Zeit Jesu schreibt: Es war bei den Juden dieser Zeit üblich, durch das Gebit der Samariter zu gehen, wenn sie aus Galiläa nach Jerusalem gehen wollten. Jesus tut also nichts besonderes.
Es gab also keinen Hass zwischen Juden und Samaritanern. Was es aber gab, war ein Streit darüber, wer von beiden die Gesetze der Tora besser beachtet. Beide waren überzeugt, dass sie wenn es drauf ankommt, gesetzestreuer sind als die anderen.
Wenn wir mit diesem Blick jetzt wieder zurückkehren zu den biblisschen Geschichten, dann wir klarer., worum es hier geht: Die Samaritanische Frau wundert sich, dass Jesus Wasser aus ihrem Trinkgefäß trinken will. Denn genau hier gab es einen Disput: Ob samaritanische Trinkgefässe rein sind oder nicht. Das schreibt auch Johannes. Er schreibt: Denn die Juden haben nicht dieselben Bräuche wie die Sanmaritaner. Sie benutzen nicht dieselben Gefäße. Viele Bibelübersetzung übersetzen hier viel zu ungenau. Da liest man dann so etwas wie: Die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritanern. Oder: Denn die Juden wollen nichts zu tun haben mit Samaritanern. Das alles steht da aber nicht. Sondern: Sie haben nicht dieselben Bräuche. Hier geht es also nicht darum, dass Jesus den jüdischen Hass gegenüber Samaritanern überwindet.
Und ganz genau so ist es auch im Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Hier geht es nicht darum, ob man auch den verhassten Feind lieben soll. Oder dass der Samariter die Grenzen des Rassenhasses überwindet, während die beiden Juden sich rassistisch verhalten.
Nein, es geht um etwas ganz anderes: Es geht um die Frage, wer von den dreien das Gesetz Gottes am besten erfüllt hat. Der Priester und der Levit, die das Gesetz eigentlich kennen, halten sich nicht daran. Der Samaritaner aber, dem man immer unterstellt, er sei weniger gesetzestreu und halte das Gesetz nicht so richtig, der ist der einzige, der es wirklich hält. Und Jesus endet mit dem Satz: Gehe hin und tue dasselbe. Der Samaritaner ist also ein gutes Vorbild für echten Gesetzesgehorsam, der sich in der Liebe zum Nächsten zeigt.
14:24
Jesus der Jude: Ein Militanter Messias? (bibletunes Podcast)
Episode in
Bibelentdeckungen
Besonders in der Adventszeit hört man es wieder häufig: „Die Juden erwarteten einen Messias, der mit seiner Armee die verhassten Römer aus dem Land vertreiben würde.“ Aber Jesus war ganz anders: Er war ein Messias des Friedens und brachte ein Königreich der Herzen, nicht der militärischen Macht.
Vor dem Hintergrund solcher Darstellungen ist es kein Wunder, wenn Juden auch heute in der politischen Diskussion als Kriegstreiber und militante Nationalisten angesehen werden, die nur auf eines aus sind: Ihre verhassten Feinde aus dem Land zu vertreiben. Der Weg von einer falschen Bibelauslegung zu modernen Formen des Antisemitismus ist oft nur kurz.
Aber was hat es mit diesem Bild einer „militanten Messiaserwartung“ auf sich? Ein Blick in die Quellen zeigt auch hier ein anderes Bild. Eins, das Jesus und seine jüdischen Zeitgenossen nicht als Gegensatz zeigt, sondern als einig in der Hoffnung auf ein Königreich des Friedens, in dem Gott die Herzen regiert.
Eine neue Folge aus der Reihe „Jesus der Jude“ auf bibletunes – die Bibel im Ohr!
Haben die Juden zur Zeit Jesu einen Messias erwartet? Und wenn ja, was für einen?
Die Antwort, die christliche Bibelausleger oft geben, lautet ungefähr so: Die Juden erwarteten einen Messias, der als Kriegsheld und Heerführer eine Armee anführen würde und der die verhassten Römer mit Gewalt aus dem Land vertreibt.
Und dann hast du vielleicht auch den genauen Gegensatz gehört: Jesus war dagegen ein Messias des Friedens. Er kam nicht mit mit Waffengewalt, sondern mit der Kraft seiner Worte. Er wollte nicht die Römer vertreiben, sondern ein geistliches Königreich bringen, nämlich das Reich Gottes.
Vielleicht hast du ähnliches schon hin und wieder gehört. Oder auch selbst schon gepredigt oder erzählt. Dann lohnt es sich genauer hinzusehen.
Denn es handelt sich dabei wieder eine von diesen Darstelklungen, in denen wir eigentlich nur Jesus groß machen wollen, aber dabei ungewollt Juden schlecht machen.
Dabei ist das vielleicht gar nicht nötig. Weil es zum einen gar nciht dem Neuen Testament entspricht. Und zum zweiten auch nicht dem, was wir aus jüdischen Quellen über die Zeit Jesu wissen.
Fangen wir mal an mit dem Hass gegen die Römer. Das Bild ist weit verbreitet. Es passt auch zum verbreiteten Gesamtbild von Juden, die ja, zumindest nach Ansicht vieler Christen, nicht nur Römer hassen, sondern auch Samaritaner, Zöllner und Frauen. Über Zöllner und Frauen haben wir in den letzten Episoden ja schon geredet.
Was ist dran an diesem Vorwurf, dass Juden Römer hassen? Zunächst mal ist er schon sehr alt. Schon zur Zeit Jesu selbst hat ein berühmter römischer Geschichtsschreiber geschrieben: Die Juden lieben nur ihresgleichen, aber gegenüber allen anderen Menschen empfinden sie nichts als Hass. Und das Bild hat sich bis heute kaum gewandelt. Wenn man in die Nachrichten schaut, dann werden Juden, heute sind es meist Israelis, als Kriegstreiber, Kinderfresser und Völkermörder bezeichnet. Und laut einer neueren Umfrage ist eine Mehrheit der Europäer davon überzeugt, dass Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden darstellt.
Schauen wir ins Neue Testament, finden wir da allerdings überraschenderweise nirgendwo den Vorwurf, dass Juden die Römer hassen oder vertreiben wollen. Im Gegenteil: Da, wo Römer erwähnt werden, kommen sie meistens recht gut weg. Da gibt es den römischen Hauptmann dessen Sohn oder Knecht von Jesus geheilt wird. Warum? Weil die jüdische Gemeinde ihn darum gebeten hat: Sie sagen: Er hat unser Volk lieb und hat uns sogar unsere Synagoge gebaut. In der Apostelgeschichte lesen wir vom römischen Hauptmann Kornelius, der an den Gott der Juden glaubt und regelmäßig an den Gebeten in der Synagoge teilnimmt.
Klagen über Römer gibt es dagegen keine.
Tatsächlich war die Meinung in der jüdischen Bevölkerung gespalten: Viele sahen die Römer als die besten Freunde an, weil sie den Juden weitgehende Religionsfreiheit garantierten und dafür sorgten, dass sie ungehindert im Tempel ihren Gott anbeten konnten. Unter den Vorgängern der Römer, den Griechen, war das nicht erlaubt, und die Juden wurden blutig verfolgt, wenn sie ihren Glauben praktizierten.
Als Jesus etwa 12 Jahre alt war, schickten die Juden in Jerusalem eine Gesandtschaft an den Kaiser in Rom mit der bitte, den jüdischen König Archelaus abzusetzen und stattdessen einen römischen Statthalter einzusetzen: Ihre Begründung: Besser einen römischen Statthalter in Jerusalem als einen korrupten jüdischen König.
Natürlich gab es auch andere Gruppen, die die Römer als Feinde ansahen, vor allem dessen, weil sie an fremde Götter glaubten. So gab es eine Gruppe von Juden in Qumran am Toten Meer, die vom endzeitlichen Kampf gegen die Römer träumten. In einer ihrer Schriftrollen, die 1947 zufällig in einer Höhle am Toten Meer gefunden wurde, beschreiben sie diesen Krieg in allen Einzelheiten. Kurzum: Es gab solche und solche. Die Juden, denen wir im Neuen Testament begegnen, sind aber den Römern eher wohlgesonnen.
Übrigens stimmt es auch nicht, dass einer der Jünger Jesu ein militanter Widerstandskämpfer gegen die Römer war. Wir lesen zwar von einem Jünger mit dem Namen „Simon der Zelot“. Und wir denken dabi automatisch an Zeloten, die gegen die Römer kämpfen, weil das in vielen Predigten und auch Bibelfilmen so dargestellt wird.
In Wirklichkeit war die Bezeichnung „Zelot“ aber zur Zeit Jesu noch gar nicht mit dem Kampf gegen die Römer verbunden. Das geschah erst mehr als dreißig Jahre später, als eine Gruppe von Zeloten einen militärischen Aufstand begann. Zur Zeit Jesu waren Zeloten aber eher religiöse Eiferer. Heute würden wir sagen: Religiöse Extremisten. Solche, die gegen die eigenen Landsleute vorgingen, wenn sie nicht religiös genug lebten. Paulus zum Beispiel nennt sich selbst mehrfach einen „Zelot“, einen „Eifer“. Er meint damit aber nicht, dass er gegen Römer kämpft. Sondern dass er die Anhänger Jesu bekämpft hat wegen ihres Glaubens, den er für falsch hielt. Und als Nachfolger Jesu nennt er sich immer noch „Zelot“, weil er eben jetzt eifert für die Sache Jesu. Aber mit Gewalt gegen Römer hat das ncihts zu tun.
Wie ist es mit dem militärischen Messias? Auch dieses Bild ist verbreitet. Ein Messias, der mit einer Armee die Römer vertreibt. Schauen wir aber in die Bibel, dann sehen wir: Auch dieses HBild taucht weder im Neuen noch im Alten Testament auf. Klar, im Alöten Testament gibt es ja auch noch keine Römer. Aber es gibt da auch keinen Messias, der andere Feinde aus dem Land vertreibt. Der Messias, der Gesalbte Gottes, wird überhaupt nur selten im Alten Testament erwähnt. Dort ist es aber ein Nachkomme Davids, der ein Reich des Friedens regiert. Zwar reden die Propheten des Alten Testaments immer auch von Krieg, aber das ist nie ein Krieg, der vom Messias oder von Israel ausgeht. Sondern immer wieder ist es so, dass Israel von feindlichen Völkern angegriffen wird, aber dann der Herr zu Hilfe kommt und die angreifenden Völker besiegt. Einen Messias, der dabei als Heerführer auftritt, gibt es in diesen Texten nicht. Meistens ist es Gott selbst, der für sein Volk kämpft.
Wie ist es dann in den späteren jüdischen Quellen, in den Quellen aus der Zeit Jesu? Da gibt es ja Unmengen verschiedener Texte aus unterschiuedlichen Jahrhunderten und aus den verschiedensten Ländern der Welt, aus Israel, aus Ägypten, aus Babylonien und aus Rom. Und auch da finden wir nicht eine einzige, einheitliche Messiaserwartung, die von allen Juden geteilt wurde.
Im Gegenteil, wir finden sehr viele verschiedene Erwartungen. Manche reden von einem Messias, manche von zwei Messiasen, manche auch vom Menschensohn oder anderen Erlösergestalten. Manchmal gibt es die Erwartung eines großen Friedensreiches, in dem alle Völer sich am Ende vertragen. Und manchmal die Erwartung eines großen Krieges am Ende, in dem Gott die Völker vernichten wird, die nicht an ihn glauben. In beiden Fällen gibt es aber keinen Messias, der die Römer aus Israel vertreibt.
Die jüdischen Rabbinen, denen Jesus ja mit seinen Lehren besonders nahe Stand, haben jedenfalls den bewaffneten Kampf gegen die Römer ganz grundsätzlich abgelehnt. Sie rufen immmer wieder zum friedlichen Zusammenleben auf und legen den Schwerpunkt nicht auf politische Befreiung, sondern persönlichen Glauben und persönliche Lebensführung. Das geht auch unter römischer Herrschaft, sagen sie.
Tatsächlich, wenn man in jüdische Quellen schaut, gibt es nur zwei Zeugnisse, die einen militärischen Messias erwarten. Einmal die Schriften aus Qumran vom Toten Meer, die ich eben schon erwähnt habe. Und dann eine Schrift, die den Namen „Psalmen Salomos“ trägt. Darin heißt es, der Messias wird kommen und die Stadt Jerusalem reinigen von allen ungläubigen Völkern. Und zwar mit eisernem Stab und mit dem Wort seines Mundes. Das ist dann aber auch wirklich alles.
Wenn man also auf die Vielfalt und Unterschiedlichen Haltungen von Juden gegenüber den Römern schaut, und auch auf die sehr vielen verschiedenen Vorstellungen von einem Messias, dann entdeckt man, dass die Idee von einem kriegerischen Messias, der die Römer vertreibt, doch nur bei ganz wenigen Juden existierte. Viel vreiteter ist dagegen die Ansicht, dass die Römer für Frieden und Stabilität sorgen und dass man mit ihnen ein freundschaftliches Verhältnis suchen sollte.
Warum hat sich das Bild vom kriegerischen jüdischen Messias und vom weit verbreiteten Hass gegen die Römer trotzdem so durchgesetzt, vor allem bei Christen? Weil es eben dem Schema entspricht, das wir so oft verwenden: Um Jesus als den Friedefürsten und den Messias der Herzen groß zu machen, machen wir Juden schlecht, indem wir sie als militante Römerhasser darstellen.
Können wir auch hier Jesus groß machen, ohne Juden schlecht zu machen? Ja, natürlich. Wenn wir Jesus als einen König des Friedens und sein Reich als ein reich der Herzen beschreiben, und zwar nicht im Gegensatz zum Judentum, sondern ganz genau weil das die Erwartung vieler Juden war, die aus ihrer Bibel und ihren Schriften gewonnen haben.
Ein Reich Gottes, das eben nicht durch Kampf und Krieg entsteht, sondern durch die freiwillige Hingabe unseres Herzens an Gott als unseren König und ein Leben nach seinem Willen. So haben die jüdischen Rabbinen das Reich Gottes beschrieben, und Jesus macht es genauso.
13:21
Jesus der Jude: Wie marginalisiert waren die Zöllner? (bibletunes Podcast)
Episode in
Bibelentdeckungen
„Zöllner waren bei den Juden verhasst.“ Das zumindest glauben viele Christen: Die jüdische Religion stempele sie als unrein ab, der jüdische Nationalismus ächte sie als Volksverräter. Jesus aber nimmt die Zöllner an und wendet sich damit gegen religiöse Mechanismen der Ausgrenzung.
Aus Geschichten, die ursprünglich von der Umkehr eines Sünders erzählten, werden so Geschichten gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und religiösen Hass. Aus den Tätern werden Opfer, und ihre Opfer werden zu den eigentlichen Tätern erklärt.
Aber was sagen eigentlich die historischen Quellen? Und warum reden die Texte des Neuen Testaments sehr viel mehr über Sünde und Umkehr als über Ausgrenzung und ihre Überwindung? Die aktuelle Folge in der Reihe „Jesus der Jude“ auf @bibletunes geht dieser Frage nach
Zöllner spielen in den Evangelien des Neuen Testaments immer wieder eine besondere Rolle. Zum Beispiel Matthäus, ein Zöllner, der einer der zwölf Jünger wird. Oder Zachäus, der auf einen Feigenbaum klettert, um Jesus zu sehen. Es gibt ein Gleichnis über einen Zöllner, der in den Tempel geht um seine Sünden zu bekennen. Und dann den Vorwurf an Jesus, er sei ein Freund der Zöllner und Sünder.
Warum ist das so? Eine häufige Antwort von Christen ist: Weil die Zöllner bei den Juden besonders verhasst waren und deshalb zu den Außenseitern der Gesellschaft gehörten. Aber Jesus ist anders: Er wendet sich den Ausgegrenzten und Ausgestoßenen zu.
Und da haben wir dann wieder das Schema, über das ich in dieser Reihe spreche: Wir wollen Jesus groß machen, und dafür machen wir vorher Juden schlecht. Juden hassen Zöllner. Und das geht hinein bis in die Kinderbibeln. Da hab ich neulich die Zachäusgeschichte gelesen. Und die fing an mit den Worten: Das ist Zachäus. Zachäus hat keine Freunde. Niemand will etwas mit ihm zu tun haben. In Bibelfilmen sieht man, wie Zöllner von anderen Juden bespuckt oder beschimpft werden, oder von ihrer Familie verstoßen werden, oder wie sie als dreckige Verräter bezeichnet werden, weil sie mit dem Feind, mit den Römern, kollaborieren.
Müssen wir Juden wirklich so haßerfüllt und feindselig darstellen, um Jesus in diesen Geschichten gut darstehen zu lassen? Ich glaube nicht.
Die erste interessante Beobachtungen machen wir ja, wenn wir unsere Bibel genauer lesen. Denn nirgendwo in unseren Evangelien wird irgendetwas davon erwähnt. In keiner Geschichte über Zöllner lesen wir, dass sie bei den anderen verhasst waren oder von irgendjemandem gehasst oder ausgegrenzt wurden. Das wäre das erste, was uns stutzig machen sollte: Wenn das Neue Testament nichts über den angeblichen Hass von Juden gegen Zöllner oder über Ausgrenzung sagt, warum tun wir es dann so oft?
Wenn ich mit Leuten darüber ins Gespräch komme, dann schlagen sie oft verwundert ihre Bibel auf und lesen mir dann vor: Aber guck mal, hier steht es doch: Sie aber murrten, dass er mit Zöllnern und Sündern isst.
Aus diesem Satz leiten wir oft zwei sachen ab, die nicht drinstehen. Erstens: Zöllner waren verhasst. Und zweitens: Im Judentum war es verboten oder verpönt, mit einem Zöllner zusammen zu essen. Entweder, weil man nicht mit Sünder zusammen ißt oder auch, weil man sich angeblich verunreingte. All das steht aber nicht da.
Was da steht ist, dass Leute sich ärgern, darüber, dass Jesus mit Zöllner und mit Sündern ißt. Was nicht dasteht, ist warum sie sich ärgern. Es könnte ja auch einfach sein, dass sie neidisch sind. Warum isst Jesus ausgerechnet mit denen – und nciht mit uns? An manchen Stellen steht, dass es Pharisäer und Schriftgelehrte waren, die sich ärgerten Da würde es Sinn machen, dass sie deswegen neidisch sind. Als besonders religiöse Menschen und besonders gute Kenner der Schrift hätten sie sich sicher gewünscht, dass Jesus sich Zeit nimmt, mit ihnen zu essen. Stattdessen isst er mit Zöllner und Sündern.
Und wenn wir uns die Antworten von Jesus anschauen merken wir auch, dass es genau darum geht: Er sagt, ich bin gekommen, um die Verlorenen zu suchen und nciht die Gerechten. Sop wie ein Arzt, der normalerweise nicht zu gesunden Menschen geht, sondern zu den Kranken. Es geht also um den Vergleich: Warum die und nicht wir? Mit Hass oder Ausgrenzung hat das nichts zu tun.
Es sei denn, natürlich, dass wir davon ausgehen, dass man im Judentum Sünder hasste. Das wäre dann wieder ein neues Vorurteil. Bei uns im Christentum gehen wir selbstverständlich davon aus, dass Gott die Sünder liebt und dass wir sie auch lieben sollen. Woher also stammt die Idee, dass es im Judentum anders ist? Sie sstammt jedenfalls nicht aus dem Neuen Testament. Wir finden sie aber auch nicht im Alten Testament, und auch nicht in jüdischen Quellen aus der Zeit Jesu.
Was sagen denn jüdische Quellen überhaupt über Zöllner? Wenn wir die jüdische Welt Jesu besser kennenlernen wollen, dann müssen wir lernen, unsere Vorstellungen und Vorurteile an den Quellen zu prüfen.
In den Schriften der Rabbis zum Beispiel finden wir jedenfalls nichts darüber, dass Zöllner verhasst oder ausgestoßen waren. Wir finden auch nirgendwo den Vorwurf, dass sie mit den Rämern kollaborieren und deshalb als Verräter angesehen wurden. Das ist ein Vorwruf, der erst im Europa der Neuzeit aufgebracht wurde, und zwar von christlichen Bibelauslegern, und nciht von Juden selbst.
Es gibt aber bei den Rabbinen, und jetzt wird es spannend, tatsächlich ein paar besondere Regelungen für Zöllner. Zum Beispiel wurde Geld, das von Zöllnern stammte, nicht für die Armenkasse der gemeinde akzeptiert. Warum? Weil man befürchtete, dass es unrechtmäßig erworbenes Geld war.
Zöllner standen nämlich in der Antike, nichit nur bei Juden, sondern auch bei Griechen und Römern, in dem Ruf, sich durch ihren Beruf unrechtmäßig zu bereichern oder auch betrügerisch zu hohe Zölle einzunehmen. Diesen Vorwurf finden wir tatsächlich auch im Neuen Testament an mehreren Stellen. Zachäus zum Beispiel redet davon, dass er Leuten zu viel Geld abgenommen hat. Und auch Johannes der Täufer ermahnt die Zöllner bei ihrer Taufe, in Zukunft anderen nicht mehr zu viel Geld abzunehmen. Zöllner waren also tatsächlich verrufen als Halsabschneider. Vielleicht ähnlich wie heute das Finanzamt.
Niemand zahlt gerne Steuern ans Finanzamt. Aber dass man deshalb Finanzbeamte persönlich hassen oder aus der Gesellschaft ausgrenzen würde, wäre natürlich absurd. Ich hatte neulich mal bei einem Vortrag unter meinen Zuhörern eine junge Frau, die von Beruf Zollbeamtin war. Die war mit ihren Freundinnen da, die andere Berufe hatten. Und natürlich war sie weder verhasst noch wurde sie ausgegrenzt. Obwohl wir alle uns ärgern, wenn wir Zoll zahlen müssen. Wir können also schon unterscheiden zwischen dem Beruf und der Person.
Und darum geht es dann auch in den Schriften der Rabbis: Das Geld von Zöllnern wird nicht als Almosen für die Armenkasse angenommen. Ein Rabbi schlägt vor, dass das Geld stattdessen für öffentliche Zwecke gespendet werden könnte, zum Beispiel für den Bau von öffentlichen Toiletten. Zöllner können nicht den Vorsitz einer Gerichtsverhandlung übernehmen, weil man sie potentiell für unehrlich hält. Zöllner erscheinen mehrfach in Listen von Berufen, die man als Jude lieber nicht ergreifen sollte, weil der Beruf dazu verleitet, zu betrügen oder sich unrechtmäßig zu bereichern. Problematisch war auch, dass Zöllner durch ihren Beruf mit unreinen Gegenständen oder Lebensmitteln in Kontakt kamen. Sie mussten ja zum Beispiel Taschen und Säcke durchwühlen, um den Inhalt zu prüfen. Oder auch Wagenladungen mit Waren. Da hat man sich eben verunreinigt. Das ist an sich nicht schlimm und auch nicht verboten, wie wir schon in einer der letzten Episoden gesehen haben. Aber es zieht Unannehmlichkeiten mit sich. Man muss sich öfters reinigen. Wenn man ein Haus betritt und durchsucht, dann gilt auch das Haus anschließend als unrein. Aber es bedeutet eben nicht, dass man deswegen von anderen Leuten gemieden wird. Es war ja nciht verbojten, mit unreinen Menschen zu essen oder zusammen zu sein.
Es gab also Einschränkungen und Vorbehalte gegenüber dem Beruf des Zöllners. Es war woihl verbreitet, dass der Beruf genutzt wurde, um sich zu bereichern oder andere zu betrügen. Diesen Vorwurf finden wir auch im Neuen Testament. Zöllner waren Sünder. Aber dass sie deshalb, weil sie Sünder waren, von anderen gehasst oder gemieden oder ausgegrenzt wurden, das stimmt eben nicht. Weil auch im Judentum jeder Mensch weiß, dass wir alle Sünder sind, und weil auch im Judentum Gott ein Freund der Sünder ist.
Tatsächlich finden wir gerade in jüdischen Quellen auch viele loibende Erwähnungen von Zöllnern. Einer zum Beispiel warnte immer sein ganzes Dorf, wenn die Steuerpolizei in den Ort kam. So hatten alle Zeit, sich zu verstecken oder ihre Waren zu verstecken, um der Versteuerung zu entgehen. In einem anderen Ort wollte man eine Delegation an den Statthalter schicken, weil es einen Rechtsstreit zwischen der jüdischen Gemeinde und einem römischen Nachbarn gab. Und wen wählte man, um die Delegation anzuführen? Den örtlichen Zöllner, weil er besonders beliebt war. Eine andere Geschichte erzählt von einem Ort, in dem ein jüdischer Zöllner und ein jüdischer Rabbi lebten. Als der Zöllner starb, kam die ganze Stadt zu seiner Beerdigung, um um ihn zu trauern. Aber als der Rabbi starb, kam keiner. Die Geschichte schließt mit dem Trost, dass der Rabbi sicher nach seinem Tod von Gott belohnt wurde. Aber sie zeigt eben auch, dass Zöllner manchmal zu den beliebtesten Personen ihrer Stadt gehörten.
Wie können wir also Jesus groß machen, ohne Juden schlecht zu machen, wenn wir über Zöllner reden? Indem wir die Geschichten so erzählen, wie es auch das Neue Testament tut: Nämlich ohne erfundene Zusätze von Ausgrenzung, Außenseitern und jüdischem Hass gegenüber Sündern. Sondern als Geschichten, in denen es um die Umkehr eines Sünders geht.
Zöllner sind im Neuen Testament nicht die Opfer, sondern die Täter. Es ist nicht die jüdische Ausgrenzung, gegen die Jesus sich wendet, sondern die Sünde der Zöllner. Es geht darum, dass auch die schlimmsten Sünder bei Jesus eine Chance auf einen neuen Anfang bekommen. Und das ist die gute Nachricht, auf die es ankommt.
13:24
Jesus der Jude: Ein Befreier der Frauen? (bibletunes Podcast)
Episode in
Bibelentdeckungen
„Ein jüdischer Rabbi sprach normalerweise nicht mit Frauen.“ Wirklich nicht? Wie frauenfeindlich war das Judentum eigentlich? Und wie revolutionär war Jesus in seinem Umgang mit Frauen?
Die aktuelle Folge in der Staffel „Jesus der Jude“ auf bibletunes – die Bibel im Ohr!.
Ich rede in dieser Reihe über Vorurteile und Zerrbilder, die wir oft vom Judentum der Zeit Jesu haben. Falsche Bilder, die wir oft selbst übernommen haben und nie richtig überprüft haben.
Wir meinen es oft gar nicht Böse und haben auch an sich gar nichts gegen Juden. Aber ohne es zu wollen, tragen wir doch dazu bei, negative Bilder über Juden zu erzeugen oder zu verbreiten.
Ich habe diese Art, Bibeltexte zu lesen, in den letzten Folgen so beschrieben: Wir wollen eigentlich Jesus groß machen, aber dafür machen wir vorher die Juden schlecht. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir Jesus auch groß machen können, ohne Juden schlecht zu machen. Und zwar, weil vieles, was wir über Juden denken und behaupten, erstens gar nicht so in unserem Neuen Testament drinsteht, und zweitens auch nicht zu dem Bild passt, das wir in jüdischen Quellen der Zeit Jesu.
Nehmen wir das Beispiel von Jesus und den Frauen: Immer wieder hören wir, dass Jesus in seinem Umgang mit Frauen revolutionär war, dass er alle gesellschaftlichen Konventionen auf den Kopf stellte und die Frauen, die im Judentum eigentlich unterdrückt und benachteiligt waren, auf eine Stufe mit den Männern stellte.
Wenn ich dann manchmal frage, was Jesus denn so revolutionär macht in seinem Umgang mit Frauen, dann ist die erste Antwort oft: Er redet mit ihnen, zum Beispiel mit der samaritanischen Frau am Brunnen oder mit Maria und Martha oder mit einer Frau aus Syrophönizien.
Und wenn du mal kurz darüber nachdenkst, dann merkst du, wie hier wieder das Schema: Guter Jesus, böse Juden zuschlägt: Denn wenn es schon ein revolutionärer Akt der Frauenbefreiung ist, dass Jesus überhaupt mit Frauen redet, dann setzt das ja voraus, dass jüdische Männer das in der Regel nicht machten. Eine jüdische Forscherin hat mal gesagt: Wenn das stimmen würde, dann wären die Juden ja frauenfeindlicher als die Taliban.
Aber tatsächlich höre ich das immer wieder: Ein jüdischer Rabbi hätte niemals mit einer Frau gesprochen. Wo kommt diese Idee eigentlich her? Es lohnt sich hier einmal kurz darüber zu reden, wie wir oft als Christen mit jüdischen Quellen umgehen. Wir suchen uns nämlich oft aus diesen Quellen immer gerade die Zitate raus, die die Juden besonders schlecht dastehen lassen. Solche Zitate sind aber oft extreme Einzelmeinungen, die im Kontext von Diskussionen angeführt werden.
Der Talmud ist ja kein Lehrbuch, wie wir das kennen, sondern eine Sammlung von Diskussionen. Zu jedem Thema werden hier erstmal drei oder vier, manchmal auch zehn verschiedene Meinungen von verschiedenen Rabbis vorgestellt, bevor dann entschieden wird, welcher Meinung man im Allgemeinen folgt. Oft bleibt die Diskussion aber auch unentschieden.
Die Gefahr ist nun die, dass man sich aus solchen Dioskussionen eine eizelne extreme Stimme rauspickt und dann sagt: So war das im Judentum. Das passiert leider oft in christlichen Bibelauslegungen. Nehmen wir zum Beispiel einmal die Diskussion um Bildung für Frauen. Oft wird behauptet, es sei revolutionär, dass Jesus auch Jüngerinnen gehabt habe, weil Frauen sonst im Judentum nicht Tora lernen durften.
Diese Ansicht kommt aus einer Diskussion zwischen zwei jüdischen Rabbis, die wir im Talmud finden: Rabbi Simeon sagt: Es ist die Pflicht jedes Mannes, seine Tochter Tora zu lehren. Aber Rabbi Eliezer ist anderer Meinung: Er sagt: Wer seine Tochter Tora lehrt, bringt sie nur auf dumme Gedanken und verleitet sie zur Unmoral.
Christen zitieren dann oft nur die Meinung von Rabbi Eliezer und sagen: Im Talmud steht: Wer seine Tochter Tora lehrt, verleitet sie zur Unmoral. Aber ihr merkt schon, dass das Bild dann verzerrt wird.
Ähnlich ist es mit der Ehescheidung. Da wird oft gesagt: Bei den jüdischen Rabbis durfte ein Mann sich wegen jeder Kleinigkeit scheiden lassen, sogar wegen einem angebrannten Essen. Die nahmen es also mit der Ehe nicht so ernst. Und wieder entsteht das Bild von einem frauenfeindlichen Judentum.
Wenn man aber nachschaut, wo das herkommt, dann entdeckt man: Auch hier gibt es eine Diskussion zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen, Rabbi Hillel und Rabbi Schammai. Rabbi Schammai erlaubt eine Ehescheidung nur in schweren Fällen von Ehebruch. Rabbi Hillel aber erlaubt eine Scheidung auch in leichteren Fällen, sogar wenn es wegen einem angebrannten Essen. Also stimmt es doch?
Nein, wenn man genauer hinsieht, worum es hier geht, merkt man, dass es Rabbi Hillel darum geht, die Rechte von Frauen zu stärken. Der Scheidebrief war nämlich ein wichtiges Dokument für die Frau, wenn wie von ihrem Mann weggeschickt oder geschieden wurde. Der Scheidebrief gab ihr das Recht und die Freiheit, wieder heiraten zu dürfen, und damit die Chance auf ein neues Leben.
Die strenge Haltung von Rabbi Schammai sorgte dafür, dass viele Frauen, die von ihrem Männern verstoßen wurden, in einem rechtlichen Vakuum landeten. Ihr Mann wollte sie nicht mehr, aber einen neuen Mann durften sie auch nicht heiraten.
Die offene Regel von Rabbi Hillel aber sagt: Ganz egal warum dein Mann dich wegschickt. Und sei es nur wegen einem angebrannten Essen oder weil er eine andere Frau attraktiver findet: Er ist verpflichtet, dir einen Scheidebrief auszustellen. Damit du dein Recht bekommst und eine Chance auf einen Neuanfang.
Was also oft in christlichen Predigten als besonders frauenfeindlich dargestellt wird, ist in Wirklichkeit eine Regelung zum Schutz der Frauen vor der Willkür ihrer Männer.
Vorsicht also mit Zitaten von Rabbis, die aus ihrem Zusammenhang gerissen werden und das Judentum schlecht dastehen lassen. Es lohnt sich, an solchen Stellen auch mal einzutauchen in die Schriften der Rabbis und sie besser verstehen zu lernen.
Und jetzt komme ich zurück zu Jesus und den Frauen: Wie ungewöhnlich war es, dass jüdische Rabbis mit Frauen redeten?
Die erste Beobachtung ist: In den Schriften der Rabbis finden wir viele, diele Gespräche von jüdischen Rabbis mit Frauen. Und zwar über Alltagsfragen wie auch über Fragen der Gesetzesauslegung. Von Beruria, der Frau des berühmten Rabbi Meir, lesen wir sogar, dass sie als gelehrter galt als ihr eigenen Mann und auch als ihr Vater, der ebenfalls ein berühmter Rabbi war.
Woher kommt also das Bild von den Juden, die nicht mit Frauen reden? Meistens auch von einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat.
Es gibt nämlich tatsächlich eine rabbinische Diskussion, wo es darum geht, wie lange man in der Öffentlichkeit mit einer fremden Frau sprechen sollte, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Denn es könnte ja der Eindruck entstehen, dass man mit dieser Frau eine unerlaubte Beziehung hat.
In dieser Diskussion meldet sich nun ein Rabbi und sagt: Am besten sollte man in der Öffentlichkeit überhaupt gar nicht mit einer Frau sprechen. Das führt nur zun Komplikationen.
Und diese extreme Einzelmeinung landet natürlich wieder in christlichen Predigten. Im Talmud steht, man soll überhaupt nicht mit Frauen sprechen, das führt nur zu Komplikationen.
So entstehen Vorurteile.
War Jesus also gar kein Freund der Frauen, wie wir immer dachten? Doch, das war er bestimmt. Er geht freundlich und wertschätzend mit Frauen um, hilft ihnen in der Not, macht sie zu seinen Jüngerinnen und beauftragt sie nach seiner Auferstehung sogar, den Männern die gute Nachricht zu überbringen.
Nur: Das alles tut er nicht, obwohl er ein Jude ist und auch nicht im Gegensatz zum Judentum. Sondern weil er ein Jude ist und Frauen im Judentum wertgeschätzt werden. Das hat in der jüdischen Tradition schon eine lange Tradition, die bis in den Anfang der Bibel zurückreicht, wo Gott den Menschen als Mann und Frau erschafft, ohne dass Rangunterschiede erkennbar sind. Und in der jüdischen Bibel,. Unserem Alten Testament, finden wir viele Erzählungen von starken und gebildeten Frauen, auch Frauen, die die Leitung und Führung übernehmen. Gott sagt zu Abraham ausdrücklich: Höre auf die Stimme deiner Frau!
Natürlich. Sicher gab es auch in der jüdischen Welt Frauenfeindlichkeit und Chauvinismus. Es gab sicher auch Rabbis, die Frauen verachteten und schlecht behandelten. Unser Fehler ist, das wir das als typisch jüdisch darstellen, während wir Frauenfreundlichkeit als typisch Jesus darstellen.
Vielleicht kann man es am besten so darstellen: Auf dem Spektrum zwischen Frauenfeindlichen und frauenfreundlichen Rabbis und Lehrern steht Jesus eindeutig auf der Seite der frauenfreundlichen. Gleich berechtigt hat er sie sicherlich nicht, aber er hat sie wertschätzend behandelt, in seinen Gleichnissen und Erzählungen immer wieder zu Hauptpersonen gemacht, und sie für andere sie sichtbar gemacht Revolutionär oder unjüdisch war das aber nicht. Im Gegenteil.
Auch hier müssen wir also nicht Juden schlecht machen, um Jesus groß zu machen. Wir können Jesus auch groß machen, ohne Juden schlecht zu machen. Indem wir sagen: Jesus war wertschätzend gegenüber Frauen, nicht obwohl er ein Jude war, sondern weil er sein Jude war. Und wzar einer, der Frauen mit den Augen seines Vaters im Himmel ansah.
12:12
Jesus der Jude: Die Unreinen und Aussätzigen (bibletunes Podcast)
Episode in
Bibelentdeckungen
Dass Jesus sich besonders den Ausgestoßenen und Marginalisierten zuwendet, ist heute ein beliebtes Predigtmotiv. Aber wo es „Ausgestoßene“ gibt, da muss es auch die geben, die sie ausstoßen und marginalisieren. In diesem Fall: Die Juden und ihre Reinheitsgebote.
Aber wie zutreffend ist dieses Bild vom „ausgrenzenden Judentum“? Und wieviel wissen wir eigentlich wirklich über die jüdischen Reinheitsgebote?
Die aktuelle Folge aus der Staffel „Jesus der Jude“ auf bibletunes
Wir alle haben unsere Bilder vom Judentum und von der jüdischen Welt Jesu. Manchmal aus Predigten, manchmal aus Bibelfilmen und manchmal aus den sozialen Medien. Und oft übernehmen wir diese Bilder ungeprüft.
Eins von diesen Bilder ist das Bild von einem Judentum, indem kranke Menschen aus der Gesellschaft ausgegrenzt oder sogar ausgeschlossen werden.
Das Bild begegnet uns immer da, wo Jesus Menschen mit Aussatz begegnet. Aber auch zum Beispiel da, wo er eine Frau heilt, die seit vielen Jahren an Blutungen leidet.
In beiden Fällen hören wir oft, dass Aussätzige aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren. In Bibelfilen rennen Menschen schreiend weg, wenn sie Aussätzige sehen, oder sie zücken ein Messer, um sie auf Abstand zu halten. Aussätzige, so heißt es oft, mussten in Höhlen oder Leprakolonien außerhalb der Orte leben und wurden selbst von ihren Familien gemieden.
Was für ein grausames Bild von der jüdischen Gesellschaft. Und es wird noch grausamer, wenn dann noch dazu gesagt wird, dass Juden sich für dieses menschenfeindliche Verhalten auf ihre Reinheitsgebote beriefen. Es sind dann also religiöse Regeln, die zu Menschenfeindlichkeit führen. Und dazu dass Menschen ausgegrenzt oder ganz aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden.
Wie oft bei solchen Vorurteilen, denkt sich niemand etwas Böses dabei. Denn eigentlich möchte man nichts Schlimmes über Juden sagen, sondern Gutes über Jesus.
Denn vor dem düsteren Hintergrund, den ich grade beschrieben habe, kann man Jesus um so besser als Menschenfreund und als Überwinder von religiöser Gesetzlichkeit darstellen.
Jesus, so wird dann oft erzählt, Jesus schert sich nicht um Reinheitsgebote. Er geht auf die Aussätzigen und Unreinen zu, er berührt sie und nimmt sie in den Arm. Damit zeigt er nicht nur mehr Liebe und mehr Zuwendung als die religiösen Juden. Sondern er gibt auch ein Beispiel, dass Gebote uns nur einschränken und dass man religiöse Regeln brechen sollte, den Menschen zuliebe.
Aber wieviel ist eigentlich dran an diesem Klischee vom ausgrenzenden Judentum und vom regelbrechenden Jesus?
Um das zu prüfen, gibt es, wie immer bei solchen Vorurteilen über das Judentum, zwei Wege: Der erste ist, genauer in unser Neues Testament zu schauen. Und der zweite ist: Sich besser über die jüdische Kultur der Zeit Jesu zu informieren.
Ich fange mal mit dem ersten an. Wenn wir in unser Neues Testament schauen, dann merken wir, dass bei keiner der Begegnungen Jesu mit Aussätzigen oder Unreinen Personen das Thema Ausgrenzung eine Rolle spielt. Nirgendwo wird gesagt, dass die Leute, um die es da geht, keine Freunde hatten oder keine Familie, oder dass sie von jedem gemieden wurden, oder dass sie in Aussätzigen Kolonien lebten. In den Geschichten von Jesus werden solche Aspekte nie erwähnt. Sie werden regelmäßig in Predigten oder Bibelarbeiten dazuerfunden, um die Geschichte dramatischer zu machen. Oft ist dann im Ende gar nicht mehr so wichtig, dass die Personen geheilt werden.
Sondern das eigentliche Wunder, so wird gesagt, besteht darin, dass sie nach langen Jahren der Isolation erstmals wieder die Berührung eines Menschen erfahren. Oder dass sie wieder Teil der Gesellschaft sind. Oder dass sie in ihre Familien zurückkehren können.
Das alles wird aber in den Bibeltexten nicht gesagt. Für die Evangelien des Neuen Testaments besteht das Wunder darin, dass Jesus Kranke Menschen heilt und sie wieder gesund werden. Darum geht es.
Aber jetzt noch ein Blick auf die jüdischen Reinheitsgebote. Zuerst einmal ist es wichtig zu verstehen, worum es eigentlich geht bei den Reinheitsgeboten. Viele Christen, mit denen ich darüber rede, stellen erstmal fest, dass sie eigentlich ziemlich wenig wissen über Reinheitsgebote. Ich hab das auch bei mir gemerkt, als ich in Jerusalem gelebt habe und in meinen Predigten vollmundig Dinge über jüdische Reinheitsgebote erzählt. Und erst dann, als jüdische Zuhörer mich hinterher fragten, wo ich das eigentlich alles herhabe, wurde mir klar, dass ich vieles nur einfach ungeprüft übernommen habe, weil ich es mal irgendwann irgendwo gehört habe.
Also: Was sind eigentlich Reinheitsgebote? Ich schlage vor, dass wir hier zuerst einmal in die Tora schauen, also in unser Altes Testament. Welche Gebote gibt es da eigentlich? Und dann müssen wir in einem zweiten Schritt auch in die Schriften der jüdischen Rabbis schauen. Also: Wie wurden die Regeln der Tora in der Zeit Jesu interpretiert und ausgelegt?
Zuerst einmal müssen wir zwei Sorten von Reinheitsgeboten unterscheiden: Einmal die Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren. Also Tiere, die man essen darf und solche, die man nicht essen darf. Das ist ja offensichtlich ein anderes Kapitel und für den Umgang mit Kranken nicht relevant.
Bleiben also noch die Gesetze für die Unreinheit von Menschen. Es gibt im Prinzip fünf Wege, wie man unrein werden kann nach den Geboten der Tora: Erstens, wenn man einen Toten berührt, zum Beispiel bei einer Beerdigung. Zweitens: Wenn man eine bestimmte Hautkrankheit hat, die in der Bibel Aussatz genannt wird. Drittens: Wenn eine Frau ihre Periode hat oder andere Blutungen im Genitalbereich, zum Beispiel durch Krankheit oder auch nach einer Geburt. Viertens: Wenn ein Mann einen Samenerguss hat.
In manchen dieser Fälle kann es außerdem sein, dass man selbst unrein wird, wenn man eine andere unreine Person berührt. Wenn man sich jetzt diese Ursachen für Unreinheit anschaut, dann ist die erste Bobachtung ganz wichtig: Unreinheit hat in der Bibel ncihts mit Sünde zu tun. Oder mit Schmutz oder ansteckender Krankheit. Wenn immer wir behaupten, dass Juden – oder andere Menschen – sich vor Unreinen Personen ekeln oder vor ihnen weglaufen, dann haben wir noch nicht verstanden, was Unreinheit ist.
Unreinheit ist in der Torah weder verboten noch verpönt. Im Gegenteil: In vielen Fällen ist es ja sogar von der Tora vorgeschrieben, sich zu verunreinigen. Zum Beispiel msoll man ja die Toten begraben. Man soll die Kranken besuchen, und das schließt auch die Aussätzigen mit ein. Man soll Sex haben, auch wenn man dadurch unrein wird. Nichts davon ist verboten, oder in irgend einer Weise dreckig oder eklig.
Natürlich rannte in der jüdischen Welt niemand weg, wenn eine Frau ihre Periode hat. Das betrifft ja immerhin die Hälfte der Bevölkerung einmal im Monat. Das wäre schlimm, wenn da immer alle weglaufen würden.
Es kommt aber noch etwas hinzu: Denn es steht ja auch nirgendwo in der Torah, dass es verboten ist, sich zu verunreinigen. Natürlich darf ich eine unreine oder aussätzige Person berühren oder umarmen, ebenso wie eine Mutter, die gerade ein Kind bekommen hat. Ich werde dann dadurch eben auch unrein. Aber das ist ja nicht schlimm, weil es nicht verboten ist und niemand vor mir wegläuft. Eine bekannte jüdische Wissenschaftlerin wurde einmal gebeten, einen Artikel über Unreinheit zu schreiben für das bekannteste jüdische Lexikon der Welt. Und in diesem Lexikon schreibt sie: Man muss davon ausgehen, dass zur Zeit Jesu in einem Raum, in dem eine Gruppe von Menschen zusammen war, in der Regel alle unrein waren auf die eine oder andere Weise. Unreinheit war der Normalfall
Das war aber auch nicht schlimm, weil es ja nciht verboten war. Und in der Regel bedeutete das auch keine Einschränkung. Denn wofür brauchte man eigentlich Reinheit? Reinheit wird in der Bibel nur benötigt, wenn man den Tempel besuchen will. Dafür musste man vorher bestimmte Waschungen vornehmen und bestimmte Zeiten abwarten, um rein zu werden.
Für die Menschen in Kapernaum oder in Nazareth war das kaum relevant, solange sie sich nicht auf die Reise zum Tempel machten.
Wenn wir deshalb in die Schriften der Rabbinen aus der Zeit Jesu schauen, dann finden wir da viele Beispiele dafür, wie Unreine Leute ganz normal am Alltagsleben teilnehmen. Sie konnten heiraten, auf dem Markt einkaufen gehen, sie lebten zusammen mit ihren Familien in den Dörfern. In den Synagogen wurden sogar extra eigene Sitzbereiche für sie eingerichtet, damit sie an den Gottesdiensten teilnehmen konnten. Sicher, es gibt auch Geschichten von Rabbis, die sich abweisend oder ausgrenzend gegenüber Kranken verhalten haben. Die gab es damals ebenso wie es heute solche Menschen gibt. Aber sie werden in den jüdischen Schriften nciht als Vorbild, sondern als Negativbeispiel angeführt.
Eine grpße Einschränkung gab es allerdings in der Tat: Denn in der Torah gibt es eine Regel, die besagt: Aussätzige sollen nicht im Zeltlager der Israeliten wohnen, sondern außerhalb des Lagers. Warum das? Weil damals, während der Wüstenwanderung, in der Mitte des Lagers das heilige Zeit stand. Und zu dem sollte man als Aussätziger den nötigen Abstand halten. Also wohnten die Aussätzigen während der Wüstenzeit außerhalb des Lagers, vermutlich zusammen mit ihren Familien.
Aber für die Rabbis zur Zeit Jesu ergab sich ein Problem: Denn zu ihrer Zeit gab es schon seit Jahrhunderten kein Lager in der Wüste mehr. Man wohnte ja jetzt in Dörfern und Städten im Land Israel. War da diese alte Regel aus der Bibel überhaupt noch anwendbar? Die Rabbis entschieden: Ein Lager gibt’s zwar nicht mehr, aber wir übertragen diese Regel auf die großen Städte, also solche mit Stadtmauern. Da gabs so etwa eine Handvoll solcher Städte, vor allem aber Jerusalem. Hier durften Aussätzige also nicht wohnen. Aber in allen anderen Städten lässt man sie wohnen.
So, was heißt das alles jetzt für unser Verständnis der Bibel und für unser Bild vom Judentum? Es ist ein weiterer Fall, in dem wir oft versuchen, Jesus groß zu machen, indem wir Juden schlecht machen: Bei den Juden wurden Kranke und Unreine Menschen ausgegrenzt, ausgestoßen, stigmatisiert und marginalisiert. Aber Jesus überwindet solche gesellschaftlichen Grenzen, bricht die Gebote und nimmt die Unreinen in den Arm.
Wenn aber die Juden gar nicht so böse und ausgrenzend waren, wie wir oft annehmen, dann ist es auch nichts besonderes, dass Jesus Aussätzige umarmt oder die blutflüssige Frau berührt. Er tut damit nichts verbotenes und bricht auch keine Gesetze. Jeder andere Jude durfte das auch und viele haben es vermutlich auch getan.Warum sollte Jesus auch die Reinheitsgebote brechen? Schließlich waren das Gebote, die vsein eingerenr Vater im Himmel dem Volk Israel gegeben hat.
Das Wunder in solchen Geschichten ist ein ganz anderes: Es ist die Heilung von Krankheit. Von Leiden und Schmerzen, die oft schon Jajhrelang andauern.
Wir können also bei solchen Geschichten sehr leicht Jesus groß machen, ohne Juden schlecht zu machen. Jesus heilt Kranke, und er setzt damit Zeichen für die Liebe Gottes. Das ist für alle Menschen eine gute Nachricht. Für die Juden damals und für uns heute.
15:53
Jesus der Jude: Die Heilungen am Sabbat (bibletunes Podcast)
Episode in
Bibelentdeckungen
Christliche Menschenliebe gegen jüdische Menschenfeindlichkeit? Christliche Freiheit gegen jüdische Gesetzlichkeit?
Wie die Erzählungen von Heilungen am Schabbat oft ungewollt zum Anlass von judenfeindlichen Auslegungen werden.
Die aktuelle Folge aus der Staffel „Jesus der Jude“ bei @bibletunes
In der letzten Folge habe ich davon erzählt, wie wir oft unbewusst von negativen Bildern des Judentums geprägt sind. Und wie das sann schnell dazu führt, dass wir Texte aus der Bibel falsch verstehen und Juden unnötig schlecht darstellen. Indem wir Jesus und das Judentum als einen Gegensatz darstellen.
Wir tun das oft mit guten Absichten: Eigentlich möchten wir zeigen, wie toll Jesus ist. Aber dafür machen wir vorher die Juden schlecht. Das ist zumindest ein Mechanismus, den ich bei mir selber oft beobachtet habe und von dem mir auch andere Christen oft erzählen.
In dieser Folge möchte ich mal an einem Beispiel zeigen, wie das funktioniert. Abner eben auch auch, wie wir solche Zerrbilder überwinden können, wenn wir uns ein biusschen mehr informieren über die jüdische Welt und auch die jüdischen Quellen aucs der Zeit Jesu.
Und zwar geht es um das Beispiel der Heilungen am Sabbat. Jesus heilt ja mehrfach Kranke Menschen am Sabbat. Viele Christen sind überzeugt, dass damit die jüdischen Sabbatgebote bricht. Und zwar aus Absicht: Weil ihm eben die Menschenfreundlichkeit wichtiger ist als die menschenfeindlichen Gesetze des Judentums.
Oft berufen sich Ledute dann auch ein Wort von Jesus aus Mk 2,27, wo Jesus sagt: Der Shabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Shabbat. Und sie verstehen das als einen Gegensatz zwischen Jesus und dem Judentum: Für Jesus zählt eben der Mensch, für Juden dagegen zählt nur das Gesetz. Für Jesus ist das Gesetz hinderlich und nicht so wichtig, für Juden ist der Mensch nicht so wichtig. Dabei kommt Jesus gut weg, aber das Judentum ziemlich schlecht. Hier die Menschlichkeit, da die Gesetzlichkeit.
Aber stimmt das eigentlich?
Schauen wir uns mal ein Beispiel an: In Matt. 12 heisst es: Und er ging von dort weiter und kam in ihre Synagoge. 10 Und siehe, da war ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie fragten ihn und sprachen: Ist’s erlaubt, am Sabbat zu heilen?, damit sie ihn verklagen könnten.
Die erste Beobachtung: Hier sind Leute, die eine Frage stellen: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen? Wir machen daraus oft schon hier eine Aussage: Im Judentum war es verboten, am Sabbat zu heilen. Das steht hier aber nicht. Die Leute fragen, und zwar fragen sie, weil das eine umstrittene Frage war.
Warum war sie umstritten? Weil die Tora, also die fünf Bücher Mose, zunächst einmal gar nichts zu dieser Frage sagt. Nirgendwo im Alten Testament steht, dass das Heilen am Sabbat verboten. Aber wir sind davon überzeugt.
Ich frage die Leute an dieser Stelle oft zurück: Wie genau kennst du eigentlich die Shabbatregeln der Tora? Was genau ist eigentlich verboten am Shabbat? Und dann müssen viele erst einmal nachschauen. Und wenn wir das tun, finden wir heraus: Das einzige, was die Tora konkret verbietet ist, Arbeit zu tun.
Daraus ergibt sich also die nächste Frage: Was genau ist denn eigentlich Arbeit? Wer definiert das? Und was zählt alles dazu? Und das waren dann in der Tat die Fragen, mit denen sich jüdische Ausleger schon lange vor der Zeit Jesu beschäftigten. Man will ja das Sabbatgebot gerne halten, aber dafür muss man auch verstehen, was damit gemeint ist. Deswegen braucht es Auslegungen und Erklärungen, was genau diese Gebote eigentlich für den Alltag bedeuten. Und solche Auslegungen finden wir in den Schriften der Rabbinen, zum Beispiel in der Mischna oder dem Talmud, von denen Assaf Ze’evi ja in dieser Staffel schon erzählt hat.
Was also beudetet „nicht arbeiten“ konkret? Die Rabbis haben sich auf die Suche gemacht und gesagt: Wir durchkämmen mal die ganze Tora nach dem Wort „Arbeit“ und dann schauen wir, welche Sorten von Arbeit mit diesem Wort Arbeit beschrieben sind. Heraus kam eine Liste mit 39 Sorten von Arbeit.
Also zum Beispiel Feuer machen, pflügen, säen, ernten, backen, schneiden, weben und so weiter. Das sind dann so was wie Grundkategorien, von denen man andere Arten von Arbeit ableiten kann. Wenn also zum Beispiel Feuer machen verboten ist, dann gilt das auch für einen Herd in der Küche, für Kerzen oder heute in der modernen Zeit, auch für elektrisches Licht oder einen Auto motor.
Das Spannende ist jetzt aber: Auch bei dieser Liste von 39 Arten von Arbeit, die von den Rabbis stammt, ist „Heilen“ nicht dabei. Heilen ist nur dann verboten, wenn es mit einer verboteten Art bvon Arbeit verbunden ist, also z.B. schneiden oder nähen bei einer OP oder Feuer machen, um Medizin anzurühren. Das wollten die Gegner Jesu also sehen: Ob er irgendetwas verbotenes macht, um am Sabbat zu heilen. Aber das tut Jesus ja nciht. In dieser Geschichte hier spricht er nur ein Wort, in anderen berührt er die Menschen und einmal streicht er Spucke auf die Augen. Ncihts verbotenes also.
Es kommt aber noch etwas hinzu: Denn die Rabbis haben natürlich auch darüber diskutiert, welche Ausnahmen es gibt, und warum das arbeiten am Sabbat dann doch erlaubt ist.
Zum Beispiel gibt es das Prinzip der Lebensrettung, hebräisch pikkuach nefesch. Natürlich ist alles, was dazu dient, Leben zu retten, am Sabbat erlaubt. Das Fachwort dafür ist: Es verdrängt den Sabbat, weil etwas wichtiges Vorrang hat. Deswegen dürfen zum Beispiel in Israel Krankenhäuser natürlich am Sabbat arbeiten, und auch Rettungswagen und Feuerwehr sind natürlich im Einsatz.
Und siehe da: Wenn wir ins Neue Testament schauen, hat jesus auch auf genau diesen Grundsatz der Rabbinen verwiesen, zum Beispiel in Markus 2,4: Und er sprach zu ihnen: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes tun oder Böses tun, Leben retten oder töten? Sie aber schwiegen still.
Jetzt kann man sicher unterschiedlicher Meinung darüber sein, was genau „Leben retten“ bedeutet. Gilt das nur in akuter Lebensgefahr? Oder gilt es auch dann, wenn ein Leben wieder heil gemacht wird? Im griechischen und im hebräischen ist das Wort für „retten“ dasselbe wie für „heilen“. Jesus beruft sich also hier auf das Prinzip der Lebensrettung, aber er legt es weit aus. Andere hätten es vielleicht enger ausgelegt. In jedem Fall aber gilt: An seinen eigenen Worten gemessen, will Jesus den Sabbat nicht brechen, sondern einhalten. Und er liefert dafür eine Begründung, die in der rabbinischen Diskussion üblich war.
An einer andern Stelle, in Johannes 7, beruft sich Jesus auf eine bekannte Regel. Nämlich, dass man biblische Gebote nach ihrer Wichtigkeit gegeneinander abwiegen muss. Hillel zum Beispiel, einer der berühmten Lehrer der Zeit Jesu, hatte gesagt, dass das Passafest Vorrang hat vor dem Sabbat, wenn die beiden Feste auf den gleichen Tag fallen. Das Passafest „verdrängt“ also den Sabbat, ähnlich wie die Lebensrettung. Ein anderer Rabbi hat dieses Prinzip dann auf die Beschneidung angewandt:
Denn da gibt es manchmal auch Terminüberschneidungen: Nach der Tora muss ein neugeborener Junge ja am achten Tag beschnitten werden. Aber was ist, wenn der achte Tag ein Sahabbat ist? Da darf man ja eigentlich nicht schneiden. In dem Fall, sagt dieser Rabbi, hat die Beschneidung Vorrang vor dem Sabbat. Es geht also bei all diesen Beispielen nicht darum, den Shabbat zu brechen. Sondern es geht um Prioritäten. Weil verschiedene Gebote im Konflikt stehen. Und genau auf dieses Prinzip beruft sich Jesus bei der Heilung am Sabbat in Joh 7. Er sagt in Vers 23:
„ihr beschneidet einen Menschen auch am Sabbat. 23 Wenn ein Mensch am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit nicht das Gesetz des Mose gebrochen werde, was zürnt ihr dann mir, weil ich am Sabbat den ganzen Menschen gesund gemacht habe?“
Kommen wir nochmal zurück zu dem Wort von Jesus, das ich am Anfang schon zitiert habe: „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat“. Christen deuten das sehr oft als eine Grundsatzkritik Jesu am Sabbat: Also im Siunne von „Menschlichkeit geht doch vor Gesetz – und jüdische Gesetzlichkeit ist Menschenfeindlich“. Der Mensch ist wicihtiger, der Sabbat ist unmenschlich.
Aber wenn wir genauer hinsehen, dann entdecken wir: Auch dieser Grundsatz ist ein bekannter jüdischer Grundsatz. Wir finden ihn Mehrfach in den Schriften der jüdischen Rabbis. Und zwar leiten sie ihn aus einem Vers der Tora ab. In 2.Mose 31,14 sagt Gott zu den Israeliten: „Der Sabbat soll für euch heilig sein“. Aha. Für euch, sagen dann die Rabbis. Also ist Der Sabbat ist für uns gegeben, nicht wir für den Sabbat. Genau das ist das, was Jesus hier sagt.
Bei der Sabbatheilung in Matt 12 führt Jesus aber noch eine andere Begründung an, und auch die kennen wir aus der rabbinischen Diskussion. Dort sagt er nämlich: Ihr rettet dort auch ein Schaf, wenn es in eine Grube gefallen ist.
Dieser Konfliktfall, nämlich ob man am Sabbat ein Tier retten darf, wird in verschiedenen jüdischen Texten diskutiert. Die Gruppe der Essener zum Beispiel, die am Toten Meer bei Qumran lebten und als besonders streng galten, kamen zu dem Ergebnis: Wenn ein Schaf am Sabbat in eine Grube fällt, darf man es nicht herausholen.
Die Rabbinen aber reichte das nicht aus. Sie suchten andere Lösungen. Von den strengen Essenern werden sie deshalb übrigens immer wieder spöttisch als „die Leute, die nach glatten Lösungen suchen“ bezeichnet.
Und so gab es hier einen findigen Rabbi, der vorschlug: Man darf zwar das schwere Schaf nicht aus der Grube heben, das ist verboten. Aber man könnte ja leichte Gegenstände bringen, zum Beispiel Kissen und decken, und in die Grube werfen. Dann kann das Tier von selbst herausklettern.
Mit anderen Worten: Natürlich darf man am Sabbat helfen. Man soll es sogar. Aber man soll es bitte so machen, dass man dabei die Regeln des Sabbat nicht verletzt. Man kann also das Gute durchaus tun, ohne Gottes Gebote zu brechen.
Und genau das sehen wir ja auch bei Jesus: Er tut das gute, aber eben ohne dabei ein Sabbatgebot zu brechen. Er zeigt, dass der Shabbat gut für den Menschen ist, weil er gerade am Shabbat Menschen heilt. Und zwar ohne die Gebote Gottes dabei zu brechen.
Jesus tut das Gute – aber er hält sich dabei an die Shabbat-Gebote. Das zumindest ist das, was er selbst sagt. Er liefert verschiedene Begründugnen., die alle auch unter jüdischen Lehrern anerkannt waren. Zum Beispiel das Prinzip der Lebensrettung. Oder: das Prinzip: Beschneidung geht vor Shabbat. Oder den Grundsatz. Der Sabbat ist für den menschen dar: Oder eben das Beispiel mit dem Schaf.
Unter Strich aber gilt: Jesus wollte mit seinen Heilungen nie den Sabbat brechen. Man hat es ihm vorgeworfen, er selbst hat es aber bestritten. Warum sollte er auch? Denn der Shabbat ist ja immerhin ein Gebot Gottes, seines Vaters. Wenn Jesus am Shabbat heilt, dann zeigt er: Dieser Tag, dieser heilige Tag der Ruhe Gottes, soll so etwas sein wie ein Vorgeschmack der kommenden Welt. Auch diesen Gedanken finden wir bei den Rabbis. Der Shabbat ist ein Ausblick auf die kommende Welt. Das Reich Gottes, in dem es kein Lied und keine Tränen mehr gibt. Deshalb heilt Jesus gerade an diesem Tag.
Wir können in diesem Fall also Jesus groß machen, ohne dass wir Juden schlecht machen: Jesus heilt Menschen, darum geht es. Der Sabbat ist dafür kein Hindernis und muss auch nicht gebrochen werden. Im Gegenteil. Er ist der ideale Gelegenheit, Gottes Heilung in eine kaputte Welt zu bringen.
15:10
Jesus der Jude – und die Mißverständnisse der Christen (bibletunes Podcast)
Episode in
Bibelentdeckungen
In der aktuellen Staffel „Jesus der Jude“ im Podcast „bibletunes – die Bibel im Ohr!“ gebe ich heute eine kleine persönliche Einführung in die nächsten Episoden: Meine Lernerfahrungen mit dem jüdischen Glauben und der jüdischen Kultur der Zeit Jesu. Und die Gefahr, dass wir beim Lesen des Neuen Testaments negative Bilder des Judentums in unseren Köpfen tragen oder sie sogar weitergeben, ohne das eigentlich zu wollen.
In dieser Staffel reden wir über Jesus und seine jüdische Welt. Und darüber, warum es gut ist, mehr über die jüdische Welt und den jüdischen Glauben zhu wissen, wenn wir Jesus besser verstehen wollen. Assaf Ze’evi hat in den bisherigen Folgen gezeigt, wie eng Jesus mit dem jüdischen Glauben verbunden war. Mit dem jüdischen Land, mit seiner jüdischen Familie, und auch mit den jüdischen Lehrern seiner Zeit.
Ich möchte euch in den nächsten Folgen mit hineinnehmen in meine eigene Lerngeschichte als Christ und meine Begegnungen mit der jüdischen Welt Jesu. Ich bin ja von meiner Ausbildung her evangelischer Pfarrer und eigentlich war mir immer klar, dass Jesus ein Jude war. Ich hab nur nicht gedacht, dass das eine große Rolle spielt für meinen Glauben an Jesus. Das hat sich erst geändert, als ich nach dem Ende meines Studiums zusammen mit meiner Frau nach Israel gezogen bin. Wir haben dort zuerst mal ein Jahr lang und dann später nochmal 6 Jahre lang gewohnt und gearbeitet. Und da habe ich natürlich den jüdischen Glauben und auch jüdisches Leben viel intensiver und auch viel selbstverständlicher kennengelernt als das hier in Deutschland möglich ist.
Ich habe da plötzlich gemerkt, wie manche Teile meiner Bibel in einer neuen Weise lebendig werden: Zum Beispiel wenn da im Lukasevangelium, Kapitel 4, steht: Jesus ging am Shabbat in eine Synagoge, wie es sein Brauch war. Das klingt anders in einem Land, wo wirklich Shabbat gefiefert wird, wo die Läden am Shabbat zu haben und die Busse nicht fahren, und die Leute um dich herum tatsächlich chic angezogen sind, weil sie auf dem Weg in die Synagoge sind. Und wenn tatsächlich ein bisschen weiter die Straße rauf, von da, wo du wohnst, eine Synagoge steht, wo am Shabbat Gottesdienst gefeiert wird. Plötzlich werden da biblische Geschichten lebendig.
Und je mehr ich mich mit dem jüdischen Glauben beschäftigt habe, und auch mit den Schriften der jüdischen Rabbis, mit den jüdischen Feiertagen und Festen, desto mehr habe ich gemerkt, wie die im Neuen Testament dauernd erwähnt werden. Manchmal ausdrücklich, manchmal auch nur in Nebenbemerkungen, die man erst dann erkennt, wenn man sich ein wenig in der jüdischen Welt auskennt.
Zum Beispiel wusste ich nicht, dass es im jüdischen Kalender ein Fest gibt, bei dem man sich in der Synagoge versammelt, oder in Jerusalem auch auf dem großen Platz vor der Klagemauer, und dort große Palmzweige schwenkt und dabei laut Hosianna ruft und singt. Das passiert beim Laubhüttenfest, hebräisch Sukkot, im Herbst. Und es ist ein Brauch, mit dem man die Erwartung der kommenden Erlösung ausdrückt. Hosianna ist hebräisch und heißt so viel wie: Komm uns zu Hilfe, Herr! Und wenn man beim Laubhüttenfest die Palmzweige schwingt und Hosianna singt, dann ist das zum einen die Bitte, dass Gott jetzt und hier hilft und segnet. Aber auch ein Ruf und eine Bitte um das Kommen der endgültigen Erlösung bittet. Die Erlösung der WEelt, die dann geschieht, wenn der Messias kommt.
Ich kannte das mit den Palmzweigen früher nur aus meinem Neuen Testament. Das haben die Leute gemacht, als Jesus auf einem Esel nach Jerusalem eingeritten ist. Und dabei haben sie auch Hosianna gerufen. Als ich dann in Israel zum ersten mal das Laubhüttenfest miterlebt und diese fröhlichen gebet mit den Palmzweigen, da hat das für mcih viel mehr Sinn gemacht: Die Leute damals bei Jesus haben deshalb Palmzeige geholt und Hosianna gerufen, weil sie in Jesus den Erlöser sahen. Den Erlöser, um dessen Kommen sie ja am Laubhüttenfest immer gebetet hatten.
Und solche Aha-Erlebnisse hatte ich viele. Je mehr ich über das Judentum weiß, desto besser und tiefe4r verstehe ich das Neue Testament.
Aber dann gab es auch das andere. Nämlich den einen oder anderen Schock-Moment. Ich habe nämlich mit der Zeit gemerkt, dass ich als Christ auch ganz schön viele falsche Vorstellungen vom Judentum hatte. Vorstellungen, die sich in der Begegnung mit lebendigen Juden schlicht als Vorurteil und als Klischee rausgestellt haben.
Und ich habe gemerkt, dass solche Vorurteile und Klischees mich vor allem auch da prägen, wo ich Texte aus dem Neuen Testament gelesen habe. Oder auch darüber gepredigt habe. Ich habe gemerkt, dass in meinem Kopf die Juden bisher vor allem als die Gegner und Feinde Jesus existierten. Denn im Neuen Testament gibt es ja auch viele Streitgespräche zwischen Jesus und jüdischen Gegnern.
Und ich habe dann auch im Gespräch mit vielen anderen Christen gemerkt, dass es nicht nur mir so geht: Wir finden Juden zwar nett und interessant, wenn wir ihnen in Israel oder in Deutschland begegnen. Wir sprechen über Juden meistens nur in Gedenkveranstaltungen, wenn es um die deutsche Geschichte geht und die Judenvernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus. In solchen Momenten sprechen wir dann respektvoll und mit Würde von Juden.
Aber wenn wir in unseren Gottesdiensten oder Bibelstunden über Jesus und das Neue Testament sprechen, dann entwerfen wir oft ein ganz anderes Bild von Juden: Dann sind die Juden oft diese kleinlichen, besserwisserischen, gesetzlichen, hinterlistigen oder sogar bösartigen Menschen, die Jesus kritisieren oder als Gegner Jesu auftreten. Klar, wir wissen, dass das in den Erzählungen oft nmur bestimmte Juden sind, häufig Schriftgelehrte und Pharisäer. Aber ohne dass wir es merken, übertragen wir dieses Bild vom feindseligen und besserwisserischen Pharisäer und Schriftgelehrten dann doch auf alle Juden von damals. Und die Juden werden dann zum dunklen Gegenbild von Jesus.
Wenn wir ein wenig in die christliche Geschichte zurückschauen, dann entdecken wir, dass diese Art, Jesus und das Judentum als Kontrast in schwarz und weiß einander gegenüberzustellen, eine lange, lange Tradition hat. Die großen Bibelwissenschaftler des 19. Und auch des frühen 20. Jahrhunderts lebten in einer Zeit, in der die Judenfeindschaft in Deutschland immer mehr zunahmen. Und entsprechend war auch ihr Bild von Jesus:
Für sie war Jesus der Bekämpfer des Judentums. Der Überwinder einer falschen Religion und der Bringer einer besseren, nämlich der christlichen Religion. Ein Bibelwissenschaftler sagte zum Beispiel, Jesus sei ursprünglich als ein Reformer des Judentums angetreten, aber dann hätte er gemerkt, da ist nichts mehr zu retten. Und deshalb sei er zum Zerstörer des Judentums geworden. Ein anderer bezeichnete das Neue Testament als das antijüdischste Buch der ganzen Welt. Und er meinte das als Kompliment, weil er überzeuigt war, dass Jesus und auch Paulus selbst antijüdisch eingestellt waren.
Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs haben sich solche Haltungen zwar stark geändert. Aber man darf sich natürlich nicht wundern, wenn Reste eines solchen Denkens auch bis heute noch bei uns vorhanden sind. Jesus gegen das Judentum. Wir benutzen immer noch die Lexika und Bibelkommentare, die aus dieser Zeit stammen, und Reste dieser Grundhaltung sind in unseren Gemeinden immer noch weit verbreitet.
Dabei meinen wir es heute oft gar nicht böse. Niemand von uns würde sich heute mehr stolz einen Antisemiten oder einen Zerstörer des Judentums nennen. Aber ohne es zu merken, transportieren wir oft doch noch feindselige und abwertende Bilder vom Judentum, meistens, weil wir sie einfach übernommen haben ohne sie zu prüfen.
Und wir benutzen solche Bilder meistens, weil wir damit etwas Gutes bewirken möchten. Man kann das vielleicht am besten so beschreiben: Wir wollen eigentlich Jesus groß machen. Aber dafür machen wir oft vorher die Juden schlecht.
Ich habe das in Jerusalem an mir selbst mit Erschrecken festgestellt: Als Pfarrer musste ich ja öfters mal in Jerusalem in der deutschen Kirche predigen – und da hat man dann deutsche Reisegruppen vor sich, die in der Regel von jüdischen Reiseführern begleitet werden. Das heißt, unter meinen Predigthörern waren plötzlich nicht nur Christen sondern auch Jüdinnen und Juden. Anders als zu Hause in Deutschland
Und wenn man dann so auf der Kanzel steht und vor sich die jüdischen Zuhörer hat, dann merkt man plötzlich, wie oft in den eigenen Predigten Juden vorkommen. Und wie man über sie redet. Nämlich oft schlecht. In Deutschland war mir das nie aufgefallen – über Abwesende lässt sich ja leicht negativ reden. Aber wenn sie dann vor dir sitzen, und du dir selbst zuhörst, dann merkst du, wie oft die Juden schlecht wegkommen.
Ich möchte deshalb in den nächsten Folgen dieser Staffel gerne ein wenig darüber reden, welche Missverständnisse wir als Christen oft über Juden haben. Und das, ohne es zu wissen und natürlich auch, ohne es böse zu meinen.
Eigentlich geht es uns darum, Jesus gut darzustellen. Als Menschenfreund, als Helden, als Revolutionär. Aber um das zu tun, stellen wir eben oft unbewusst unbd ohne böse Absicht, das Judentum als Gegensatz dazu dar: Nämlich als nicht menschenfreundlich, als rückständig, als verknöchert oder was immer. Ich werde einige konkrete Beispiele in den nächsten Folgen nennen.
Hier aber schonmal ein kleiner Ausblick, der vielleicht bei euch die Lust weckt, der Staffel weiter zu folgen. Wie sieht das aus, wenn wir Jesus groß machen, indem wir das Judentum schlecht machen?
Zum Beispiel wollen wir etwas beitragen zur Gleichstellung der Frauen. Deshalb stellen wir Jesus als Freund der Frauen dar, der Frauen wertschätzt, indem er mit ihnen spricht oder sie zu seinen Jüngern macht. Das funktioniert aber nur, wenn wir vorher behaupten, dass die Juden frauenfeindlich waren und normalerweise nicht mit Frauen sprachen und sie schon gar nicht zu Jüngern machten.
Oder wir wollen uns gegen Fremdenfeindlichkeit aussprechen. Dann reden wir darüber, wie sehr die Juden Samariter und Römer gehasst haben, und wie dann Jesus – im Gegensatz zu den Juden – freundlich zu Römern und zu Samaritern ist. Vielleicht wollen wir beitragen zur Inklusion von Randgruppen: Dann erzählen wir davon, wie etwa Kranke und Aussätzige oder auch Zöllner im Judentum von der Gesellschaft ausgegrenzt und ausgestossen wurden. Und wie Jesus sich dann diesen Randgruppen, den sogenannten „Maginalisierten“, zuwendet.
Vielleicht wollen wir auch etwas für den Weltfrieden tun. Dann stellen wir Jesus als einen Messias dar, der friedlich und ohne Waffen in Jerusalem einzieht, während die Juden natürlich einen Messias erwarteten, der Krieg führt und mit einer Armee die Feinde vertreibt.
Merkt ihr was? Es läuft immer nach einem ähnlichen Schema ab. Eigentlich wollen wir was Gutes. Und wir wollen Jesus groß machen. Aber immer wieder malen wir dafür ein dunkles, oft auch falsches Bild von den Juden. Ganz ohne es zu wollen und sicher auch, ohne es böse zu wollen. Wie wir solche Zerrbilder des Judentums überwinden können und wie wir Jesus auch groß machen können, ohne Juden schlecht zu machen, darum wir es in den nächsten Folgen gehen.
14:10
32:18
„Von Pessach zu Ostern – Jüdische Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu“
Episode in
Bibelentdeckungen
Feste haben im Judentum eine hohe Bedeutung. Fast alle Fest- und Feiertage sind in Israel biblischen Ursprungs. Beim Feiern leben jüdische Religionsangehörige gemeinsam ihren Glauben und ihr Bekenntnis aus, sie erinnern an die Geschichte ihres Volkes mit Gott und geben über ihre Bräuche und Rituale den Glauben an die jüngere Generation weiter. Auch von Jesus und den Aposteln ist bekannt, dass sie wie alle anderen Juden ihrer Zeit die biblischen Fest- und Feiertage streng gehalten haben.
Welche Bedeutung steckt hinter jüdischen Festen wie Pessach (Passafest), dem Jom Kippur (Versöhnungstag) oder auch dem Laubhüttenfest? Und inwiefern spiegeln sich in diesen Festen die Kernpunkte der Lehre Jesu wider? – Darüber spricht Lucia Ewald mit dem evangelischen Theologen und Buchautor Guido Baltes. Er ist Dozent für Neues Testament am MBS Bibelseminar sowie Lehrbeauftragter an der Philipps-Universität Marburg und der Evangelischen Hochschule Tabor.
52:53
Wo gehöre ich hin? – In eine erschütterte Welt
Episode in
Bibelentdeckungen
Vom 12.-19.1.2020 fand die internationale Gebetswoche der evangelischen Allianz statt. Auch in Marburg gab es, wie an über 1000 weiteren Orten, eine Reihe von Veranstaltungen mit dem Oberthema “Wo gehöre ich hin?”
Der Gebetsabend im Christus-Treff Gottesdienst am 16.1. wurde von der Lokalgruppe Marburg der “Micha-Initiative” gestaltet. Das Thema lautete: “Wo gehöre ich hin? In eine erschütterte Welt.”
23:09
Die nahende Freude
Episode in
Bibelentdeckungen
Predigt zu Lk 1,46-55 im Christus-Treff Marburg am 22.12.2019. In der Reihe “Advent und Weihnachten”
24:31
Erwartungshaltung oder Haltung der Erwartung?
Episode in
Bibelentdeckungen
Predigt zu “Weihnachten neu erleben – Kreativ-Projekt” im Christus-Treff Marburg am 05.12.2019. In der Reihe “Weihnachten neu erleben”
14:10
Gottes Wesen ist Gemeinschaft
Episode in
Bibelentdeckungen
Predigt zu Epheser 1,3-14 im Christus-Treff Marburg am 16.6.2019. In der Reihe “Begegnungen”.
27:57
Dein Umfeld positiv verändern: Die Kirche.
Episode in
Bibelentdeckungen
Wie kannst du dein Umfeld positiv verändern? Im dritten Teil dieser Predigtreihe geht es um die Kirche: Wie steht es um die Kirche und wie kannst du dazu beitragen, dass sich die Kirche positiv verändert?
30:20
Konkurrenz für Jesus? Christlicher Glaube im Supermarkt der Weltreligionen
Episode in
Bibelentdeckungen
“Warum eigentlich Jesus?” lautet das Monatsthema auf ERF Plus im Mai 2019. In dieser Sendung geht es um die Frage, was Jesus auf dem Markt der Weltreligionen besonders macht. Es lohnt es sich, noch einmal ganz genau hinzuhören, was Jesus sagte und tat. Und wie sein Sterben und seine Auferstehung das Leben eines Menschen verändern kann. Denn Jesus ist absolut zuverlässig. Und er trägt durch das ganze Leben. Sogar über den Tod hinaus. So Guido Baltes, Theologe und Dozent aus Marburg.
Ein Radiobeitrag auf ERF Plus am 13.5.2019
58:10
Friedenskultur
Episode in
Bibelentdeckungen
Predigt im connect-Gottesdienst des Christus-Treff Marburg am 28.2.2019 in der Reihe “Jesus Culture”
26:00
25:50
„Hingabe leben wie Jesus“
Episode in
Bibelentdeckungen
Reihe: Gemeinde in der Stadt – Christiliche Grundhaltungen
Predigt: Hingabe leben wie Jesus – Phil 2,1-11 (20.01.2019)
Predigt von: Guido Baltes
27:43
„Einsamkeit“
Episode in
Bibelentdeckungen
Reihe: Spiritualität im Alltag
Predigt: Einsamkeit – Guido Baltes (29.07.2018)
Predigt von: Guido Baltes
32:54
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Evangelio del día
Escrito está: ‘No de solo pan vive el hombre, sino de toda palabra o disposición que sale de la boca de Dios’. Una pequeña meditación conducida por el P. José María Carod Felez, Mercedario y director del programa radiofónico 'Libertad a los cautivos'. Ya puedes escuchar la proclamación y la reflexión diaria del Evangelio de cada día.Te invitamos a participar con tus peticiones y oraciones.Vías de contacto:e-mail: labarcadelpadre@gmail.comTwitter: @labarcadelpadrehttps://www.facebook.com/labarcadelpadre Updated
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